Schon zweimal hatte ich über eine kleine ehemalige Kreisstadt auf dem Berg berichtet, und da kann man auf viele seltsame Dinge stoßen. Der Berg ist zwar nicht besonders groß aber groß genug, um in seinen Tälern eine Anzahl Stauseen anzulegen. Sie dienen natürlich besonders bei der Schneeschmelze dem Hochwasserschutz. Oder man sollte besser sagen: dienten. Heute dienen fast alle der Trinkwasserversorgung in einem sehr weiten Umkreis.
Natürlich wurde nicht an jeder Talsperre ein Wasserwerk eingerichtet, das gibt es nur an der jüngsten und gleichzeitig tiefst gelegenen Talsperre. Deren Staukapazität ist verglichen mit ihrem Einzugsgebiet zu groß. Macht nichts. Man kann ja von den anderen Talsperren durch Stollen Wasser zulaufen lassen. Und so kommt es, dass fast der gesamte Berg zum Trinkwasserschutzgebiet erklärt wurde. In den höher gelegenen Talsperren darf man zwar noch baden und Bötchen fahren, aber man darf nicht mehr in die Zuläufe pieseln. Präziser ausgedrückt: Die kleine Stadt und ihre Ortsteile dürfen keine örtlichen Kläranlagen mehr betreiben sondern müssen ihre Abwässer durch lange Rohrleitungen ins Flachland zu Großkläranlagen führen. So kommt es, dass im Wassergewinnungsgebiet die Abwassergebühren mehr als doppelt so hoch sind wie in den Städten, die das Wasser vom Berg beziehen. Und das stößt natürlich vielen Bürgern auf dem Berg ziemlich sauer auf.
Wie ich schon berichtet hatte, ist aus der Samtgemeinde inzwischen eine Einheitsgemeinde geworden, und es stehen Kommunalwahlen für einen neuen Rat und einen neuen Verwaltungschef an. In der Vergangenheit waren im Rat fast nur Vertreter der etablierten Parteien vertreten, und das Thema Abwassergebühren wurde zwar mehrfach erwähnt, kam aber, aus welchen Gründen auch immer, nie auf die Tagesordnung. Das soll sich im neuen Rat ändern. Die „Kritischen“, die in der ehemaligen kleinen Kreisstadt seit rund drei Jahren den müden Verein mit gewissem Erfolg schon etwas aufgemischt hatten, wollen es nun genauer wissen: „Wenn wir uns einschränken und bezahlen müssen, damit ihr preisgünstig hervorragendes Trinkwasser bekommt, dann könnt ihr unsere Abwasserkosten ruhig mit einem ‟Wasserpfennig“ subventionieren.“ Freiwillig bietet das den Bergstädtern natürlich niemand an.
Nun gibt es mit den Wasserverkäufern, die übrigens ihren Firmensitz nicht auf dem Berg sondern im Flachland haben, noch ein anderes Problem. Wie ich schon im Zusammenhang mit einer „Kurbetriebsgesellschaft“ angedeutet hatte, leben die kleineren Ortsteile der immer noch kleinen ehemaligen Kreisstadt auf dem Berg zu einem wesentlichen Teil vom Fremdenverkehr. Wie finden es aber die Touris, wenn die wunderschön gelegene Talsperre im erweiterten Stadtgebiet seit Jahren die meiste Zeit des Jahres eher wie ein hässlicher Canyon wirkt, weil sie nur halb oder noch weniger gefüllt ist und Wassersport nicht mehr möglich ist? Nicht so prall – um es sehr vorsichtig auszudrücken. Warum ist das so mit dem Wasserstand? Weil die Talsperre mit dem Wasserwerk ständig nachgefüllt werden muss. Die ist zwar auch nie richtig voll, weil die Wasserverkäufer auf Teufel komm raus einfach zu viel Wasser verkaufen. So fügen sie dem Tourismus, von dem die Einheimischen leben wollen, deutlichen Schaden zu. Wie die Bergstädter die leere Talsperre empfinden – danach fragt sowieso keiner.
Nun gibt es da noch ein Problem mit der Rücksichtslosigkeit. Die ausgedehnten Wälder auf dem Berg, die viele Touristen als Wandergebiet lieben, gehören dem Bundesland. Wann, wie und wo mit dem Wald umgegangen wird, wird in der Landeshauptstadt bestimmt. Seit ein paar Jahren kann man beobachten, dass Waldgebiete durch Holzerntemaschinen auf das Übelste verwüstet werden – das betrifft nicht nur den Wald an sich sondern auch die Wald- und Wanderwege. Ergänzt wird die Sache dadurch, dass offenbar vermehrt Erntescheine ausgegeben werden, die Einheimischen ermöglichen, mit PKW, Anhänger und Kettensäge in den Wald zu fahren und Feuerholz zu ernten. Die fahren zwar nicht quer Wald ein, aber sie fahren auf allen möglichen und unmöglichen Waldwegen und verwandeln sie bei feuchtem Wetter zu unpassierbarem Morast, sehr zum Leidwesen der Nachbarn, die ihre Zimmer lieber an die leider wegbleibenden Touris vermieten möchten.
Und dann gibt es noch eine Anzahl Welt verbessernder Ahnungsloser, die die kleine Stadt auf dem Berg Energie unabhängig machen wollen, indem auf dem Berg Windmühlen aufgestellt werden. Wind gibt es auf dem Berg genug, aber wegen der zahlreichen Täler weht er sehr unstetig, so dass die Windmühlen einen sehr schlechten Wirkungsgrad hätten; das wurde sogar messtechnisch untersucht. Die „Windkorridore“ laufen am Rand des Berges entlang. Aber um das zu verstehen, sind die Scheuklappen bei den Spinnern zu stabil.
Diese Überschlauen haben noch weitere geniale Ideen: Um den Windstrom gewissermaßen speichern zu können, wollen sie Pumpspeicherwerke einrichten. Als tiefer gelegener Wasserspeicher sollen die stillgelegten Erzbergwerke früherer Zeiten dienen. Der Bergbau hat zwar Schächte und Gänge zurück gelassen aber keine riesigen Kavernen. Die müssten erst geschaffen werden. Als Gegenstück bräuchte man eine riesige betonierte Wanne, bei der man tagsüber sehen kann, wie das Wasser durch ein dickes Rohr nach unten abfließt, am nächsten Morgen ist es dann wieder da. Dass man so etwas zu einer Touristenattraktion ausbauen kann, scheint doch eher zweifelhaft. Ob sich solche Pumpspeicherwerke rechnen können, glaube ich nicht, aber wenn, dann müsste man die ja nicht auf dem kleinteiligen Berg anlegen, wo die Bewohner das Standbein Tourismus brauchen.
Dass diese interessanten Ideen in der Praxis ausgemachter Unsinn sind, überblicken offenbar nur die „Kritischen“ im Rat. Und auf die Idee, die Natur- und Tourismusschädigung durch den Wasserverkauf und die Art der Holzernte mal mit Nachdruck kritisch zu hinterfragen, sind bisher nur die „Kritischen“ gekommen.